Jahre ist es her, als ich das letzte mal in der Hauptstadt der Menschen war. Ich stehe vor dieser einen Tür, meine Finger schaffen es nicht, an ihr zu klopfen. Ich starre unsicher das Foto an, das einzige, was mir in all den Jahren von den Lebenden geblieben ist. Es ist ein Bild von ihr, Iseth, die schönste und bekannteste aller Elunepriesterinnen. Jahre ist es her, als wir beide Hand in Hand durch den Fluss jagten und uns unter einer Eiche schlafen legten. Ich erinnere mich genau daran, wie mein Abschied war, als ich ihr sagte, dass ich gegen den König allen Übels in den Kampf ziehen wollte. Ich wollte sie beschützen, ihr Kummer ersparen…und doch bin ich es, der ihr Kummer bereitet hat. Ich starb im Feld und wurde Werkzeug jenes Mannes, den ich zuvor vernichten wollte.
Nun bin ich endlich frei, begnadigt vom König höchst persöhnlich. Dennoch…kann ich diese Tür nicht öffnen. Ich wage nicht mir vor zu stellen, welche Qualen sie erlitt, als man ihr meine Todesnachricht erbrachte. Noch weniger ihr Entsetzen, wenn sie mich nun sieht: auferstanden als Ritter des Todes, erschaffen um Herzlos zu sein, erschaffen um zu morden. Iseth, meine Priesterin, die du den mächtigsten aller Dämonen erzwungen hast, wie soll ich dir je in die Augen schauen können?
Der Paladin schickt uns zu unseren Hinterbliebenen, zu Verwandten und ehemaligen Freunden, doch wer hat noch Platz für jene, die solches Übel verbreitet haben? Wir wurden zum morden erschaffen, lehnten uns gegen unseren Schöpfer auf, verlassen von beiden Seiten, Aussätzige, das sind wir.
Die Tür ist weiß gestrichen, silberweiß, wie dein schönes Elfenhaar. das Fenster leuchtet so hell wie deine Augen. Meine eisige Hand aber schafft es nicht, an ihr zu klopfen, sie erstarrt, wie ich selbst. Erinnerungen kommen hoch, Gefühle, die ich nicht mehr kannte, die ich vergessen und verloren glaubte. Hast du mich vergessen, Iseth, hast du mich verdrängt? Oder habe ich doch noch einen winzigen Platz in deinem Herzen? Der Paladin sagte, es sei höflich, wenn man zum Gruß den Helm absetzten würde, darum liegt der meine auf dem Arm, gestützt von diesem großen Schwert, dass schon so viel Blut vergossen hat. Ich hab es gewaschen, ebenso wie ich die Rüstung gewaschen hab. Magst du mich auch abweisen, du sollst dich nich an mich als Barbare erinnern.
Ich nehme all meinen Mut zusammen, Heere konnten mich nicht aufhalten, wieso kannst du es? Ich darf nicht, ich kann nicht umkehren, ohne die Wahrheit zu kennen. Mit meinen schweren Eisenhandschuhen poche ich gegen die Tür, Mädchenstimmen erklingen. Eine Menschin öffnet die Tür, mein Anblick erschaudert sie, und doch lässt sie nach dir rufen. Ihre entsetzten Augen starren mich an, lassen nicht von mir los. Sie stehen für all die Augen, die zusehen mussten, wie ich ihnen ihre Liebsten nahm. Ich stehe für meine Taten gerade, das bin ich mir schuldig, das bin ich ihr schuldig, das bin ich allen schuldig. Ich höre Geflüster, wie sich ein Bogen spannt im Hintergrund, wie ein Stab sich vom Boden erhebt. Die Schritte kommen näher, die Menschin verschwindet von der Tür und eine Stimme erklingt: „Was führt euch hierher?“
Die Tür öffnet sich und ich stehe vor dir, einer bildhübschen Elfin, wie sie Sylvanas nie hätte sein können. Deine Augen wandern von meinen Füßen zu meinem Gesicht. Ich spüre, wie nach Jahren mein Herz plötzlich wieder schlägt. Wie sehr habe ich diesen Klang vermisst. Ich will dich ansprechen, dir so viele Fragen stellen! Doch ich kann mich nicht rühren, meine Stimme scheint erstummt, in meinem eisigen Hals ein dicker Klumpen warmer Gefühle.
Ich zeige das Foto vor, es ist ein wenig schäbig, doch das Bild ist klar und deutlich. Deine Lippen öffnen sich, dein mächtiger Stab fällt wie in Zeitlupe aus deiner zarten Hand, du schaust mir in die Augen, hebst deine zitternde Hand in meine Richtung. Deine Finger sind so nahe…und dennoch wagst du es nicht mich zu berühren, als würdest du mich für ein Gespenst halten. Wie sehr würde ich deine Gedanken nun erfassen können, diese Mischung aus Freude, Entsetzen und Verwirrung. Deine Lippen beben, du siehst direkt in meine Augen: „Du.. du L..“
Ich nehme ihre Hand, die mir so nahe ist, und lege sie sanft auf mein eisiges Gesicht: „..lebst? Ja.“ Ein kleines Lächeln zaubert sich in ihr erstarrtes Gesicht, eine Träne rinnt leise über ihre Wange. Ihre Hand, so warm, so weich. Ich spüre wie sie leicht nach hinten driftet, ich drücke die Tür beiseite und lasse sie in meine Arme sinken. Mein Helm und mein Schwert fallen lautstark zu Boden. Hinter ihr starrt mich eine Gruppe jugendlicher an, meine Geschwister, meine Familie. Alisviel senkt den auf mich gerichteten Bogen: “ Wilkommen zu Hause…Illidahn.“